Die Angebote und Leistungen der Therapiekette Niedersachsen basieren auf dem folgenden Krankheits- und Suchtverständnis.
Die WHO definierte 1957 die Abhängigkeit als einen „Zustand periodischer oder chronischer Intoxikation, der durch wiederholten Gebrauch einer Droge hervorgerufen und für das Individuum und die Gesellschaft schädlich ist“. Ferner fand eine Unterscheidung zwischen psychischer Abhängigkeit von einer physischen Abhängigkeit mit Toleranz- und Dosissteigerung sowie Entzugssymptomen statt. 1946 wurde zuvor Gesundheit definiert als „ein Zustand völligen körperlichen, psychischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechlichkeit“ benannt. Krankheit im Sinne der WHO liegt vor, wenn ein behandlungsbedürftiger regelwidriger Zustand des Körpers, des Geistes oder der Seele vorliegt.. Im ICD-10 GM der WHO werden die Abhängigkeiten unter dem Kapitel F1 abgehandelt, es finden sich dort verschiedene Gruppen von Abhängigkeiten, so von Alkohol, Opioiden, Cannabinoiden, Sedativa, Kokain und anderer Substanzgruppen. In diesem System erfolgt die Klassifikation zunächst hinsichtlich der Substanz, zum anderen hinsichtlich des Schweregrades, wobei zwischen einem schädlichen Gebrauch und der eigentlich klinisch relevanten Abhängigkeit unterschieden wird.
Darüber hinaus spielen bei der Persönlichkeit unserer Einschätzung nach die Selbstsicherheit, das Selbstvertrauen, Stressverarbeitung und Konfliktverhalten, strukturelle Ich-Defizite und das Vorhandensein bzw. Fehlen von Objektkonstanz eine wichtige Rolle, ebenso wie eine sicher unterschiedliche Wahrnehmung hinsichtlich der Wirkung von psychotropen Substanzen. Bei den äußeren Faktoren spielt unserer Erfahrung nach das familiäre Umfeld in der frühen Biographie eine entscheidende Rolle, z.B. sexueller und körperlicher Missbrauch, divergierende Erziehungsstile durch die Eltern, der Freundeskreis und somit die Verfügbarkeit von Drogen im sozialen Umfeld. Bei der Wirkung der Substanz haben wir immer wieder festgestellt, dass es eine spezifische Wirkung z.B. von Heroin bzw. Sedativa, Kokain und Ecstasy gibt.
Die WHO hat 1980 ein Instrumentarium zur Dokumentation der Klassifikation rehabilitationsspezifischer Probleme erstellt (ICIDH). Dieses liegt auf Deutsch inzwischen in Form des ICF (Stand Oktober 2004) vor. Das ICF Klassifikationssystem bezieht sich auf alle Aspekte der menschlichen Gesundheit. Eine zentrale Bedeutung hat hierbei der Begriff der funktionalen Gesundheit.
Der erste Teil befasst sich mit Funktionsfähigkeit und Behinderung (Körperfunktionen und -strukturen, sowie Aktivitäten und Partizipationen), der zweite Teil bezieht sich auf die Kontextfakten (Umfeldfaktoren und Personen bezogene Faktoren). Durch die Betonung der individuellen Ressourcen des zu Rehabilitierenden sowie den Einschluss von außerhalb der Person liegenden Faktoren, wird dieses Klassifikationssystem in der Rehabilitation mehr Gewicht bekommen. Einig ist man sich heute weitestgehend darin, dass es sich bei Abhängigkeitserkrankungen um ein vielfältiges Beziehungsgeflecht zwischen Persönlichkeit, sozialer Umwelt und dem abhängig machenden Mittel handelt.
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